Die Deutschen in Ungarn

Einleitung


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Fahnemagyarul / auf Ungarisch

Ungarn war und ist seit über tausend Jahren die gemeinsame Heimat zahlreicher Völker und Volksgruppen. Die Deutschen wanderten in verschiedenen Epochen, aus verschiedenen Gebieten, in kleineren-größeren Gruppen in den Karpatenraum ein und ließen sich zerstreut auf dem ganzen Gebiet Ungarns nieder. Die Aufbauarbeit deutscher Bürger, Arbeiter und Bauern, die historische Vermittlerrolle bilden den wesentlichen Beitrag der Deutschen zur gemeinsamen Heimat Ungarn.

Der Großteil der Deutschen kam nach der Türkenzeit ins Land. Ende des 18. Jahrhunderts betrug die Zahl der Deutschen im damaligen Vielvölkerstaat Ungarn mehr als eine Million. In Ofen, Pesth, Ödenburg oder Fünfkirchen wurde eine blühende Kultur geschaffen, erschienen deutsche Zeitungen, Zeitschriften, Kalender, literarische Werke und wissenschaftliche Abhandlungen. Am 9. Feber 1812 wurde in Pesth "das größte deutsche Theater der Welt" eröffnet. Aus diesem Anlaß komponierte Beethoven Musik zu den Uraufführungen der Kotzebue-Stücke "Ungarns erster Wohltäter", "Belas Flucht" und "Die Ruinen von Athen".

Die Deutschen förderten im 18. Jahrhundert als professionelle Landwirte die ungarländische landwirtschaftliche Kultur. Im 19. Jahrhundert entstanden "deutsche Industriezweige" (Maurer, Steinmetze, Dachdecker, Glasbläser, Metallgießer, Erzgießer, Dreher und Klempner u.a.). Die ungarndeutschen Handwerkergesellen gingen in der Monarchie und in Deutschland auf die Walz. Durch die deutsche Sprache sahen und lernten sie dort eine andere hohe technische Kultur kennen und wandten diese ebenso wie die handwerklichen Kenntnisse in Ungarn an.

Die vor allem in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts immer stärker werdende Magyarisierungspolitik hatte ein zum Teil auch auf wirtschaftliche Ursachen zurückführendes Aufgehen des städtischen deutschen Bürgertums im Magyarentum zur Folge. Damit büßten die Ungarndeutschen auch in ihrer Vermittlerrolle zwischen deutscher und ungarischer Kultur stark ein. Die deutsche Hochsprache und Hochkultur der Städte wurde zunehmend durch die ungarische Sprache ersetzt, ein Phänomen, das von Professor Claus-Jürgen Hutterer als kollektive Bewußtseinsspaltung der deutschen Minderheit in Ungarn bezeichnet wird.

Daher setzte der 1924 gegründete Ungarländisch-Deutsche Volksbildungsverein unter Jakob Bleyer vor allem auf das "gesunde" Bauerntum, das allerdings seine Töchter und Söhne durch den sozialen Aufstieg immer wieder an das Magyarentum verlor. Der starke Magyarisierungsdruck war mit ein Grund dafür, daß bei den Ungarndeutschen jene Richtung stärker wurde, die die Verwirklichung ihrer Forderungen nur mit Hilfe von Hitler-Deutschland für möglich hielt. Die Volksgruppe wurde zu einem Spielball der Interessen der beiden Verbündeten Hitler-Deutschland und Horthy-Ungarn und nach dem Zweiten Weltkrieg für Verbrechen, die in deutschem Namen begangen wurden, zum Sündenbock gemacht.

Mit der Vertreibung der Hälfte der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Volksgruppe ihre gesamte Intelligenz. Schwere Folgen für die heutige Situation hatte die Tatsache, daß eben jene geflüchtet waren oder vertrieben wurden, die sich bei der Volkszählung 1941 zur deutschen Nationalität (dies wurde nachträglich als Bekenntnis zu Hitler-Deutschland aufgefaßt) oder zur deutschen Muttersprache bekannt hatten bzw. ihren bereits magyarisierten Namen wieder eindeutschen ließen. Erst an weiterer Stelle wurde als Vertreibungsgrund die Mitgliedschaft in der Volksgruppenorganisation Volksbund der Deutschen in Ungarn oder der Dienst in bewaffneten deutschen Organisationen genannt.

Auch in der scheinbar liberalen Minderheitenpolitik Ungarns waren politische Versuche, eine tatsächliche Interessenvertretung der Ungarndeutschen zu schaffen, zum Scheitern verurteilt. Der 1955 gegründete Verband der Ungarndeutschen versuchte - in dem von der Regierung erlaubten Rahmen -, diese Aufgabe zu erfüllen. Seit Ende der sechziger Jahre, der Zeit der Wirtschaftsreform, gab es Freiräume für die sich trotz unzureichendem muttersprachlichen Unterricht herausbildende ungarndeutsche Intelligenz. So konnte sich eine bescheidene Literatur entfalten, wurden bildende Künstler in die kulturelle Tätigkeit einbezogen, wissenschaftliche Forschungen - vor allem im Bereich Volkskunde und Mundarten - betrieben. Wichtigstes Anliegen war, die Effektivität des Sprachunterrichts zu erhöhen. Seit 1982 erfolgt in immer mehr Grundschulen der zweisprachige Unterricht. In zahlreichen Kindergärten gibt es deutschsprachige Beschäftigungen. Die Zahl der zweisprachigen Gymnasien und Mittelschulen beträgt 10. In einigen Fachschulen besteht die Möglichkeit Maurer, Tischler, Zimmermänner und Gärtner in zwei Sprachen auszubilden, Praktikum bei ungarndeutschen und bei deutschen Unternehmern zu machen.

1985 wurde der erste ungarndeutsche Verein, der Nikolaus-Lenau-Kulturverein in Fünfkirchen, gegründet. Er versuchte, auf allen Gebieten (Wirtschaft, Wissenschaft, Schule, Kirche, Kultur) mit dem Mutterland bzw. den vertriebenen Deutschen wieder die Verbindung herzustellen. Ab 1989 entstanden immer mehr Vereine auf lokaler, regionaler und Landesebene. Bei ihrem Treffen im November 1992 in Dengelitz/Tengelic forderten sie mehr Demokratie, mehr Effektivität und mehr Erneuerung auch bei den Ungarndeutschen. Bei den ersten Wahlen der Minderheitenselbstverwaltungen im Dezember 1994 und den Nachwahlen im November 1995 entstanden dann 164 Deutsche Selbstverwaltungen. Am ll. März 1995 wurde die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, das "Parlament" der deutschen Minderheit, gewählt. Die Selbstverwaltungen sind trotz finanzieller Not und Lücken in der gesetzlichen Regelung gewillt, die Interessen der ungarndeutschen Wähler durchzusetzen, Sprache und Traditionspflege, Partnerschaften und Wirtschaft, Literatur und Kunst zu fördern. Sie tragen zusammen mit den Vereinen, Kulturgruppen und Organisationen zum Aufbau der bürgerlichdemokratischen Gesellschaft bei. Die Besinnung auf die historischen Werte soll dabei behilflich sein.